Die Schwertlilie – Kroatiens Nationalblume und die Geschichte hinter der Perunika
Sie wächst zwischen Gras, Wald und steinigem Boden, trägt auffällige violette Blüten und besitzt einen Namen, der tief in die slawische Sprache und Kultur hineinreicht. Die Perunika ist mehr als eine schöne Wildblume. Seit dem Jahr 2000 steht die Hrvatska perunika – Iris croatica – auch symbolisch für Kroatien.
Wenn Länder durch Pflanzen dargestellt werden, denkt man vielleicht zuerst an sehr bekannte Beispiele.
Die Rose.
Das Kleeblatt.
Die Tulpe.
Bei Kroatien ist es eine Blume, die außerhalb des Landes deutlich weniger Menschen kennen:
die Perunika.
Auf Deutsch gehört sie zu den Schwertlilien, botanisch zur Gattung Iris.
Doch hinter dem kroatischen Namen und der Pflanze selbst steckt eine Geschichte, die erstaunlich gut zu einem Land passt, dessen Landschaft zwischen kontinentalen Wäldern, Karst, Bergen und Mittelmeer wechselt.
Hrvatska perunika – Iris croatica
Die Hrvatska perunika trägt den botanischen Namen Iris croatica.
Die Art wurde 1962 von dem kroatischen Botaniker Ivo Horvat und Marija Horvat wissenschaftlich beschrieben.
Sie gehört zu mehreren Iris-Arten, die in Kroatien vorkommen.
Iris croatica findet man vor allem im nordwestlichen Teil Kroatiens und in angrenzenden Gebieten Sloweniens.
Sie wächst unter anderem auf kalkhaltigen Böden, an trockenen Grasflächen sowie in lichten Wäldern und Gebüschen.
Ihre großen Blüten zeigen intensive violette bis purpurfarbene Töne, kombiniert mit helleren und gelblichen Zeichnungen.
Eine Pflanze, die gleichzeitig kräftig und ungewöhnlich filigran wirkt.
Seit 2000 eine Nationalblume Kroatiens
Interessanterweise ist die Rolle der Perunika als Nationalblume noch relativ jung.
Im Zusammenhang mit der Vorbereitung Kroatiens auf die internationale Gartenausstellung Japan Flora 2000 entstand die Frage nach einer Blume, die Kroatien repräsentieren könnte.
Die Hrvatska perunika wurde schließlich vorgeschlagen und im Jahr 2000 auf Initiative der Kroatischen Akademie der Wissenschaften und Künste als kroatische Nationalblume bestimmt.
Damit bekam eine Pflanze, die bereits Teil der heimischen Flora war, zusätzlich eine symbolische Bedeutung.
Doch der interessanteste Teil ihrer Geschichte beginnt eigentlich schon bei ihrem Namen.
Warum heißt sie „Perunika“?
Im Kroatischen sagt man nicht nur „iris“.
Man sagt:
perunika.
Der Name wird traditionell mit Perun, dem slawischen Gott des Donners und des Blitzes, in Verbindung gebracht.
Perun gehörte zu den bedeutendsten Gottheiten der vorchristlichen slawischen Mythologie.
Er wurde mit Himmel, Gewitter, Blitz, Stärke und mächtigen Naturkräften verbunden.
Um die Perunika entstanden im Laufe der Zeit verschiedene volkstümliche Erzählungen und Deutungen.
Eine der bekanntesten verbindet die Blume mit Orten, an denen der Blitz des Perun die Erde berührt haben soll.
Ob Mythologie, spätere Volkserzählung oder eine Mischung aus beidem – die Verbindung zeigt, wie eng Pflanzen früher mit der Beobachtung der Natur und der Vorstellung von einer beseelten Landschaft verbunden waren.
Ein Gewitter war nicht einfach Wetter.
Ein Blitz war nicht nur Elektrizität.
Und eine Blume war manchmal mehr als eine Blume.
Auch „Iris“ trägt einen Namen aus der Mythologie
Interessanterweise besitzt nicht nur das kroatische Wort Perunika eine mythologische Verbindung.
Auch der botanische Name Iris führt in die Welt alter Geschichten.
In der griechischen Mythologie ist Iris die Göttin beziehungsweise Personifikation des Regenbogens und eine Botin der Götter.
Der Regenbogen verbindet Himmel und Erde.
Und wenn man die Vielfalt der Farben betrachtet, in denen Schwertlilien vorkommen können, wirkt der Name erstaunlich passend.
So trägt dieselbe Pflanzengattung zwei kulturelle Erzählungen in ihren Namen:
eine griechische und eine slawische.
Beide führen in den Himmel.
Die eine zum Regenbogen.
Die andere zu Donner und Blitz.
Eine Blume mit vielen Verwandten
Wer in Kroatien eine Schwertlilie sieht, sieht allerdings nicht automatisch Iris croatica.
Im Land wachsen mehrere Arten der Gattung Iris.
Manche bevorzugen trockene Standorte.
Andere wachsen auf feuchten Wiesen oder in sumpfigen Gebieten.
Einige besitzen violette Blüten, andere gelbe oder unterschiedliche Farbvariationen.
Gerade deshalb ist es wichtig, zwischen der Gattung Iris, den verschiedenen in Kroatien vorkommenden Perunika-Arten und der konkreten Art Iris croatica zu unterscheiden.
Nicht jede Perunika in einem kroatischen Garten oder auf einer Wiese ist automatisch die kroatische Nationalblume im botanisch engeren Sinn.
Die Pflanzenwelt hält sich selten an die einfachen Kategorien, die wir Menschen ihr gerne geben.
Kroatien in einer Blume
Vielleicht ist es Zufall.
Aber Iris croatica besitzt Eigenschaften, die sich wunderbar als kleines Bild für Kroatien lesen lassen.
Sie ist auffällig, ohne künstlich zu wirken.
Ihre Form ist komplex.
Sie wächst in einer Landschaft, in der Stein, Wald und offene Flächen aufeinandertreffen.
Und sie gehört zu einer Pflanzenwelt, die wesentlich vielfältiger ist, als man beim ersten Blick vermuten würde.
Ähnlich ist es mit Kroatien selbst.
Von außen wird das Land häufig über wenige starke Bilder wahrgenommen:
Adria.
Inseln.
Sommer.
Steinhäuser.
Doch hinter diesen Bildern liegt ein Land mit sehr unterschiedlichen Landschaften, Geschichten, Dialekten und kulturellen Einflüssen.
Vielleicht passt gerade deshalb keine vollkommen einfache Blume dazu.
Zwischen Wissenschaft und Symbol
Besonders schön finde ich, dass die Geschichte der Hrvatska perunika zwei vollkommen unterschiedliche Welten miteinander verbindet.
Auf der einen Seite steht Botanik.
Eine Art wird beobachtet.
Verglichen.
Beschrieben.
Klassifiziert.
Dokumentiert.
Die Originalbelege von Iris croatica werden bis heute in einer wissenschaftlichen Herbariumsammlung in Zagreb aufbewahrt.
Auf der anderen Seite steht Symbolik.
Eine Blume bekommt Bedeutung.
Sie wird mit einem Land verbunden.
Mit Geschichten.
Mit Sprache.
Mit Identität.
Dass beides gleichzeitig existieren kann, macht die Perunika für mich besonders interessant.
Sie ist eine exakt beschriebene botanische Art.
Und gleichzeitig etwas, das Menschen mit Geschichten gefüllt haben.
Eine Nationalblume, die viele Kroaten selbst kaum kennen
Vielleicht ist das der sympathischste Teil der ganzen Geschichte.
Fragt man Menschen nach kroatischen Symbolen, kommen wahrscheinlich zuerst andere Antworten.
Das rot-weiße Schachbrett.
Die Adria.
Die Krawatte.
Vielleicht die Dalmatinerhunde.
Dass Kroatien überhaupt eine Nationalblume besitzt, wissen längst nicht alle.
Und vielleicht macht gerade das die Perunika interessant.
Sie ist kein Symbol, das einem an jeder Ecke begegnet.
Man muss sie ein wenig suchen.
Genau wie viele der schönsten Geschichten eines Landes.
Vielleicht lohnt es sich, manchmal nach unten zu schauen
Beim Reisen schauen wir häufig nach vorne.
Auf Gebäude.
Auf Landschaften.
Auf Sehenswürdigkeiten.
Auf das Meer.
Manchmal lohnt sich aber auch der Blick auf das, was direkt am Weg wächst.
Eine Pflanze kann erzählen, welcher Boden unter unseren Füßen liegt.
Welche Jahreszeit gerade beginnt.
Welche Tiere dort leben.
Welche Geschichten Menschen einer Landschaft früher gegeben haben.
Und manchmal kann eine einzelne Blume sogar ein ganzes Land repräsentieren.
Die Perunika macht dabei keine große Show.
Sie wächst.
Sie blüht.
Und sie trägt einen Namen, in dem sich Natur, Sprache, Mythologie und Geschichte begegnen.
Vielleicht ist genau das eine der schönsten Arten, ein Land zu symbolisieren.

