Kroatien jenseits der Küste – ein kleines Land mit erstaunlich vielen Gesichtern

Kroatien wird oft über ein einziges Bild erzählt: blaues Meer, helle Steinhäuser, Pinien und eine Insel am Horizont. Dieses Bild ist wunderschön – aber es ist nur ein Teil des Landes. Wer die Küste verlässt, entdeckt Wälder, Berge, Flüsse, Weinregionen, Ebenen, Thermalquellen, Burgen und Städte, die eine vollkommen andere Geschichte erzählen.

Es gibt Länder, deren Landschaft sich langsam verändert.

Und dann gibt es Kroatien.

Hier kann sich innerhalb weniger Stunden erstaunlich viel verändern.

Vom kontinentalen Zagreb geht es über bewaldete Bergregionen Richtung Adriaküste.

Hinter einem Tunnel verändert sich plötzlich das Licht.

Die Vegetation wird mediterraner.

Der Stein heller.

Und irgendwann liegt das Meer vor einem.

Vielleicht ist genau diese Vielfalt einer der Gründe, warum Kroatien trotz seiner überschaubaren Größe so schwer mit einem einzigen Bild zu beschreiben ist.

Das Kroatien, das viele zuerst kennenlernen

Natürlich ist die Adriaküste ein wesentlicher Teil des Landes.

Und sie verdient ihre Bekanntheit.

Mehr als tausend Inseln, Inselchen und Felsen liegen entlang der kroatischen Adriaküste.

Historische Städte stehen direkt am Meer.

Steinhäuser und enge Gassen prägen alte Ortskerne.

Pinien wachsen bis fast ans Wasser.

Je weiter man die Küste entlangfährt, desto stärker verändern sich Landschaft, Architektur und Atmosphäre.

Istrien fühlt sich anders an als Dalmatien.

Kvarner anders als Dubrovnik.

Eine Insel kann sich vollkommen anders anfühlen als die Küstenstadt, die nur wenige Kilometer entfernt liegt.

Schon die Küste selbst ist nicht nur eine einzige Landschaft.

Doch Kroatien endet nicht dort, wo das Meer aufhört.

Zagorje – grüne Hügel hinter Zagreb

Nördlich von Zagreb beginnt eine Landschaft, die kaum etwas mit dem klassischen Postkartenbild Kroatiens zu tun hat.

Das Hrvatsko zagorje ist geprägt von grünen Hügeln, Weinbergen, kleinen Dörfern, Kirchen und Schlössern.

Die Landschaft wirkt weich.

Fast ruhig.

Zwischen den Hügeln liegen Orte, die von der Geschichte des kontinentalen Kroatiens erzählen.

Eines der bekanntesten Beispiele ist Schloss Trakošćan.

Mit seinen Türmen, dem See und den umliegenden Wäldern sieht es beinahe aus, als hätte jemand ein mitteleuropäisches Märchen mitten nach Kroatien gesetzt.

Doch genau das ist der Punkt:

Auch das ist Kroatien.

Slavonien – wenn der Horizont plötzlich weit wird

Im Osten des Landes verändert sich die Landschaft erneut.

Slavonien ist geprägt von weiten Ebenen, Landwirtschaft, Flüssen und Weinbau.

Hier wirkt der Horizont größer.

Die Donau, die Drau und die Save gehören zu den großen Flusssystemen, die diese Region prägen.

Städte wie Osijek erzählen eine andere urbane Geschichte als die Städte an der Adriaküste.

Barocke Architektur, breite Straßen und die Nähe zu großen Flüssen bestimmen das Bild.

Auch kulinarisch besitzt Slavonien eine starke eigene Identität.

Paprika.

Kulen.

Wein.

Gerichte, die kräftiger wirken als viele Speisen an der Küste.

Wer Kroatien nur über Fisch, Olivenöl und mediterrane Küche kennt, entdeckt hier ein anderes Land auf demselben Staatsgebiet.

Lika – zwischen Bergen, Wäldern und Wasser

Zwischen dem kontinentalen Kroatien und der Küste liegt eine Region, die für mich zu den eindrucksvollsten Landschaften des Landes gehört.

Lika.

Wälder.

Berge.

Karstlandschaften.

Flüsse.

Und viel Raum.

Hier befindet sich auch einer der bekanntesten Orte Kroatiens:

der Nationalpark Plitvicer Seen.

Seine Seen, Wasserfälle und Wälder haben ihn international berühmt gemacht.

Aber Lika ist mehr als Plitvice.

Die Region kann wild und still wirken.

Im Winter liegt Schnee.

Im Sommer leuchten Wälder und Wiesen in kräftigem Grün.

Und wer auf dem Weg zur Küste nur hindurchfährt, sieht häufig nur einen kleinen Ausschnitt davon.

Ein Land des Karsts

Ein großer Teil der kroatischen Landschaft ist vom Karst geprägt.

Wasser und Kalkstein haben über sehr lange Zeit Landschaften geschaffen, die oberirdisch manchmal trocken und felsig wirken – während sich darunter Höhlen, unterirdische Flüsse und komplexe Wassersysteme befinden.

Diese Geologie prägt besonders Teile des Dinarischen Gebirges und der Küstenregionen.

Sie erklärt auch, warum Wasser in Kroatien manchmal auf spektakuläre Weise erscheint und wieder verschwindet.

Quellen treten direkt aus Felsen hervor.

Flüsse schneiden sich durch Schluchten.

Wasserfälle entstehen mitten im Grün.

Die Landschaft sieht manchmal fast konstruiert aus.

Dabei ist sie das Ergebnis von Wasser, Stein und sehr viel Zeit.

Die Berge stehen näher am Meer, als man erwartet

An Teilen der kroatischen Küste erhebt sich das Gebirge unmittelbar hinter dem Meer.

Das Velebit-Gebirge ist dafür eines der beeindruckendsten Beispiele.

Auf der einen Seite die Adria.

Auf der anderen Wälder, Felsen und Berglandschaften.

Der Kontrast kann innerhalb weniger Kilometer enorm sein.

Auch das Biokovo-Gebirge oberhalb der dalmatinischen Küste zeigt diese besondere Geografie.

Unten liegen mediterrane Orte und das Meer.

Darüber erhebt sich eine fast karge Bergwelt.

Diese Nähe von Meer und Gebirge ist einer der Gründe, warum sich die kroatische Landschaft so schnell verändern kann.

Istrien – nicht nur Meer

Istrien wird häufig mit seinen Küstenorten verbunden.

Rovinj.

Poreč.

Pula.

Doch fährt man ins Landesinnere, verändert sich die Region.

Auf Hügeln liegen kleine historische Orte.

Weinberge und Olivenhaine prägen die Landschaft.

Motovun erhebt sich über dem Mirna-Tal.

Grožnjan ist für Kunst und seine steinernen Gassen bekannt.

Trüffel gehören ebenso zur Region wie Wein und Olivenöl.

Manchmal wird Istrien mit der Toskana verglichen.

Die Ähnlichkeit bestimmter Landschaften lässt sich nachvollziehen.

Aber auch hier gilt:

Istrien braucht eigentlich keinen Vergleich.

Es besitzt seinen eigenen Charakter.

Flüsse, die ihre eigenen Landschaften schaffen

Das Meer bekommt in Kroatien viel Aufmerksamkeit.

Doch einige der schönsten Landschaften des Landes wurden von Flüssen geprägt.

Die Krka ist dafür ein bekanntes Beispiel.

Die Cetina zieht durch eine dramatische Karstlandschaft Richtung Adria.

Die Zrmanja schlängelt sich durch Felsen und Schluchten.

Im kontinentalen Teil des Landes prägen große Flüsse ganze Regionen.

Wasser ist überall Teil der kroatischen Landschaft.

Nur nicht immer in Form des Meeres.

Auch der Winter gehört zu Kroatien

Das überrascht manche Besucher.

Kroatien kann kalt sein.

Richtig kalt.

Im kontinentalen Teil des Landes gehören Frost und Schnee zum Winter.

In den Bergregionen können große Schneemengen fallen.

Zagreb unter Schnee fühlt sich vollkommen anders an als eine dalmatinische Stadt im August.

Und während an der Küste Palmen stehen, kann nur wenige Autostunden entfernt eine verschneite Berglandschaft liegen.

Das mediterrane Bild Kroatiens ist also richtig.

Aber eben nicht vollständig.

Unterschiedliche Regionen, unterschiedliche Identitäten

Vielleicht ist das Spannendste an Kroatien nicht nur die landschaftliche Vielfalt.

Es sind auch die regionalen Identitäten.

Dialekte verändern sich.

Architektur verändert sich.

Essen verändert sich.

Musik verändert sich.

Manchmal verändern sich sogar Wörter für ganz alltägliche Dinge.

Ein Mensch aus Istrien, jemand aus Zagreb, ein Dalmatiner und jemand aus Slavonien teilen eine nationale Identität – und bringen gleichzeitig sehr unterschiedliche regionale Geschichten mit.

Genau das macht ein kleines Land erstaunlich komplex.

Man muss nicht alles auf einer Reise sehen

Vielleicht entsteht bei Reisen manchmal der Druck, möglichst viel abzuhaken.

Zagreb.

Plitvice.

Zadar.

Split.

Dubrovnik.

Noch schnell eine Insel.

Und zurück.

Natürlich kann man so reisen.

Aber Kroatien eignet sich auch wunderbar für das Gegenteil.

Eine Region auswählen.

Langsamer werden.

Einen kleinen Ort besuchen, dessen Namen man vorher noch nie gehört hat.

Auf einer Straße anhalten, weil die Landschaft plötzlich interessant aussieht.

In einem Restaurant etwas bestellen, das man nicht kennt.

Oder einfach länger dort bleiben, wo es einem gefällt.

Denn nicht jeder besondere Ort besitzt eine berühmte Sehenswürdigkeit.

Kroatien ist größer, als seine Landkarte vermuten lässt

Nicht in Kilometern.

Sondern in Kontrasten.

Meer und Berge.

Inseln und Ebenen.

Karst und Wälder.

Mediterrane Städte und mitteleuropäische Architektur.

Olivenhaine und Getreidefelder.

Palmen und Schnee.

Vielleicht lässt sich Kroatien deshalb so schwer mit einem einzigen Bild erklären.

Und vielleicht sollte man es auch gar nicht versuchen.

Die Adriaküste ist ein wunderschöner Teil des Landes.

Aber wer irgendwann die Straße vom Meer weg nimmt, entdeckt noch etwas anderes:

Kroatien beginnt nicht an der Küste – und es endet dort auch nicht.